Die 5 königlichen Sutras
- Isa Duffy
- Sep 21, 2023
- 10 min read
Updated: Sep 24, 2023
Vorwort des 17. Gyalwa Karmapa, Trinley Thaye Dorje zu den fünf königlichen Sutras, veröffentlicht 2020 von Shri Diwakar Publications Übersetzung aus dem Englischen von Isa Duffy, Mai 2021

Der Grund, weshalb sie die “königlichen” Sutras genannt werden, hat seine
eigene Geschichte, die von besonders Interessierten nachverfolgt werden kann,
die gerne mehr darüber herausfinden möchten. Ich persönlich denke, dass die Bezeichnung „königlich“ so verstanden werden kann, dass es sich auf dich selbst bezieht. Schließlich bist du der Mittelpunkt deines Universums.
Du bist dein eigener Herr.
“Sutra” wird oft als “Lehrrede” (engl. discourse, Anm.d.Übers.) ins Englische
übersetzt. Ich denke, diese Auslegung hat auch ihre Berechtigung, meiner
Meinung nach wäre jedoch „Zusammenfassung“ eine treffendere Beschreibung
des Sanskrit Begriffes „Sutra“ (tib. མདོ - mdo – Do).
Wie viele verschiedene Wörter sollte es geben, um einen bestimmten Begriff zu
beschreiben? Oder, wie viele Farben werden benötigt, um eine Farbe zu
beschreiben? Es ist das gleiche Dilemma. Daher nutzten die Erwachten die zu
ihrer Zeit üblichen, alltägliche Begriffe, um die Vorstellung einer
„Zusammenfassung“ hervorzurufen, etwas wie „kurz gesagt“, um einen heute
umgangssprachlich üblichen Begriff zu nutzen. Natürlich gibt es zahllose Sutras und auch eine große Anzahl königlicher Sutras. Von all diesen Sutras wurden fünf ausgewählt und in dieser Veröffentlichung vorgestellt.
Man kann diese Sutras als unermessliche Weisheitsmethoden der Buddhas
beschreiben. Ursprünglich wurden sie von dem Buddha Shakyamuni in der
Form des gesprochenen Wortes gegeben und wir können uns glücklich schätzen,
dass sie uns heute noch in Schriftform zugänglich sind. Diese Sutras sind
Fahrzeuge – wenn ihr euch selbst als von etwas abhängig seht, um
voranzukommen. Sie sind Pfade – wenn ihr euch selbst als das Fahrzeug
betrachtet.
Dies fünf königlichen Sutras repräsentieren die Pfade:
1. བཟང་པོ་སྤྱོད་པའི་སྨོན་ལམ་གྱི་མདོ།
des Strebens
2. རྡོ་རྗེ་རྣམ་འཇོམས་ཁྲུས་ཀྱི་མདོ།
der Reinigung
3. ཤེས་རབ་སྙིང་པོ་ལྟ་བའི་མདོ།
der Sichtweise
4. འདའ་ཀ་ཡེ་ཤེས་སྒོམ་པའི་མདོ།
der Meditation und
5. བྱང་ཆུབ་ལྟུང་བཤགས་བཤགས་པའི་མདོ།
des Bekennens
Streben
Das Bestreben ist ein Fahrzeug oder ein Pfad, der das, was du als “dich selbst”
betrachtest, unterstützt oder ergänzt. Wenn du beispielsweise denkst “ich bin ein
Bäcker, das ist es, was ich mache und was ich bin“, dann wird diese Einstellung
durch dieses Fahrzeug ergänzt – im Sinne der Philosophie von „Ich denke, also
bin ich“. Dieses Fahrzeug hilft dir mit dem „sein“. Dieser Geisteszustand wird
nicht davon beeinträchtigt, die Welt retten zu wollen. Dieser Pfad lässt dich
einfach als Bäcker tätig sein, ob du nun ein mittelmäßiger Bäcker bist, oder
nicht. Er lässt dich sein. Er unterstützt dich dabei, der Bäcker zu sein, der du zu
sein glaubtest. Der Wunsch, ein besserer Bäcker zu werden, kann nützlich sein,
letztendlich ist es jedoch Zufriedenheit, die dir hilft, am Ende ein besserer
Bäcker zu sein. Du bist bereits ein Bäcker, du wusstest es nur nicht. Es geht
darum, dass du akzeptierst, wer du zu sein glaubst. Wenn du dann findest, dass
du dich verbessern solltest, wird es einfach sein, das zu erreichen.
Natürlich wird diese Erklärung dem, was die Erleuchteten meinten, nicht gerecht
– bei weitem nicht! Es ist einfach eine persönliche Interpretation. So gesehen, ist
dieser Pfad ein Weg, bewusst zu träumen.
Reinigung
Diesen Punkt zu interpretieren, ist etwas vertrackt. Das kommt von unserer
Vorstellung, dass es etwas gibt, das gereinigt werden muss. Wenn man die
Analogie nutzt, Gold zu reinigen oder den Wolkenschleier vor dem Mond zu
entfernen, dann zeigt dies, dass die Vorstellung, dass etwas gereinigt werden
muss, tief in unseren Konzepten verwurzelt ist. Bei näherer Betrachtung sehen
wir jedoch, dass die Bedeutung dieser Analogien eher darin besteht, dass im
Gold keine Verunreinigungen enthalten sind und dass auf dem Mond keine
Wolken sind. Der Schmutz oder die Wolken sind also gar nicht der Punkt, um
den es geht, obwohl sie als Hindernisse erscheinen. In gewisser Weise sind
Schmutz und Wolken Faktoren, die die Schönheit des Goldes oder des Mondes
indirekt betonen.
Der Pfad ist somit ein Weg, uns selbst von der Verwirrung zu befreien, die darin
besteht, Verunreinigungen als einen Teil des Goldes oder Wolken als Teil des
Mondes zu sehen. Das heißt, sie spielen zwar ihre Rolle, sind aber nicht
unbedingt oder grundsätzlich falsch. Das Gold und der Mond müssen nicht vor
ihnen gerettet werden. Die Durchführung der Praxis dieses Pfades ist nicht
anstrengend, so, als ob ein großer Berg schmutziges Geschirr in der Spüle darauf
wartet, abgewaschen zu werden.
Tatsächlich ist dieses Reinigen keine Pflicht. Wir haben nicht die Pflicht, die
Welt zu retten oder die Rechnung zu bezahlen.
Tatsächlich bedeutet “Reinigung” wörtlich: ein Bad zu nehmen. Bis jetzt haben
wir unzählige Male gebadet. War das eine Aufgabe oder eine Pflicht? Nein.
Tatsächlich war es (im modernen Sinn) therapeutisch.
Wir freuen uns auf dieses Bad. Wir zählen sie nicht und sagen: „Ich bin so und
so alt und habe so und so oft gebadet.“ Es gibt kein Gefühl der Bürde, so als ob
jemand hinter uns steht und uns zum Baden antreibt – es gibt also keine
Verpflichtung. Das gilt genauso auch für alle weiteren Praktiken.
Sichtweise
Es ist immer etwas paradox, wenn wir Wörter benutzen, um etwas zu
beschreiben. Es ist eher wie ein zweischneidiges Schwert. Einerseits erklärt es
ungefähr, was du erklären möchtest, andererseits verfehlt genau die
Beschreibung ihren Zweck und je mehr man versucht, es zu erklären, desto
schlimmer wird es.
Wenn wir also hier von “Sichtweise” sprechen, dann sind wir geblendet wie ein
Reh von Nebelleuchten. Es ist also schwierig, zu sagen “Das ist es, was genau
damit gemeint ist.“ Nichtsdestotrotz können wir uns unseren Weg bahnen,
indem wir etwas wie das folgende nahelegen:
Zunächst einmal ist “Sichtweise” die subtilste Form, die es gibt, wenn es darum
geht, die Qualität oder Identität des Buddhismus zu implizieren. Wir gehen hier
nicht auf die Sichtweisen der verschiedenen Yanas ein. (Es könnte schrecklich
langweilig werden, wenn wir dies versuchten.) Trotzdem hilft uns dieses Thema,
“Sichtweise”, dabei, persönlich einen flüchtigen Blick davon zu erhaschen, wie
Bodhisattvas das Leben betrachten.
Wenn wir hier eine Analogie gebrauchen wollten, dann wäre Vogelbeobachtung
etwas Vergleichbares. Es ist subtil genug, um ein persönliches Engagement
erforderlich zu machen. Trotzdem ist das Warten ein Hauptbestandteil davon.
Du kannst es nicht erzwingen.
Jemand erzählte mir einmal eine Geschichte darüber, wie er versuchte, Vögel zu
fotografieren und das erzwingen wollte (er war in Eile) – das Ergebnis war, dass
er nur Fotos von Vögeln machen konnte, die vor ihm flüchteten.
D.h. du kannst die Sichtweise weder dir selbst noch anderen aufzwingen. Es
kann sein, dass du einen Vogel siehst, oder eben nicht. Selbst wenn du von
deiner Seite aus alles vorbereitet hast, gibt es keine Garantie darauf.
Deshalb ist es wahrscheinlich, dass die Bodhisattvas, wenn man sie wie
Kriminalbeamte betrachtet, die zur Rettung erwartet werden, oft nicht pünktlich
am Tatort erscheinen werden. In jedem Fall ist die Sichtweise eng mit Prajña
verbunden – der ursprünglichen Weisheit.
Achtsamkeit ist die zum Erlangen dieser Sichtweise notwendige Zutat und der
Faktor, der das Erscheinen dieser Sache, die „Sichtweise“ genannt wird,
begünstigen kann. Einige der Hauptfaktoren sind Hören, Nachdenken und
Meditieren.
• Hören – zu versuchen, Geräuschen zuzuhören und sie willkürlich als dieses
oder jenes zu kategorisieren.
• Nachdenken – als nächstes zu versuchen, sich, was auch immer an geistigen
Wörterbüchern oder Vorstellungen bildet, zu merken oder sich diese wiederholt
in seinem Geist einzuprägen.
• Meditieren – sich dann die Geräusche wieder anzuhören und dabei zu
versuchen, sich von den gut etablierten Vorstellungen helfen zu lassen.
Diesmal ist das Geräusch, dass du hörst, nicht besser oder schlechter. Wenn
überhaupt, dann siehst du lediglich die Einschränkung der Faktoren, die du
angelegt hast, um zu hören. Du wirst fast belustigt darüber sein, dass du es
versucht hast. Gleichzeitigt wertschätzt du die Faktoren auf die gleiche Weise,
in der du ein Gemälde dafür schätzt, dass es versucht, eine bestimmte Szene
einzufangen, obwohl das tatsächliche Motiv nicht mit dem Gemälde
vergleichbar ist. Du schätzt einfach den Künstler (in diesem Fall also dich
selbst), unabhängig davon, ob er talentiert ist oder nicht. Du schätzt sowohl die
Fehler als auch die Übertreibungen des Künstlers. Vielleicht ist genau diese
wahre Erkenntnis der Einschränkungen unserer Mühe die Sichtweise, Prajña –
ursprüngliche Weisheit.
Meditation
Die zwei offensichtlichen und allgemein bekannten Faktoren, die die Meditation
ausmachen, sind Shamatha und Vipashana.
Tatsächlich sind diese beiden untrennbar. Man kann versuchen, sie
auseinanderzunehmen, aber das durch die Frage verursachte Kopfzerbrechen,
welche davon nun weiter fortgeschritten ist, ist wie bei der Frage nach dem
Huhn oder dem Ei. Wir werden nie erfahren, was zuerst da war.
Merkwürdigerweise wird alleine das Beruhigen (Shamatha) dich aufwühlen.
Das kommt daher, dass es gewissermaßen keine Entstehung gibt, keine
Vollendung. Das erste Zeichen der Aufgewühltheit ist Langeweile – es ist
sozusagen ein Zustand der Unentschlossenheit. Einsicht oder Klarheit
(Vipashana) kann nicht ohne die Geistesruhe erreicht werden. Diese beiden
Aspekte ergänzen sich also.
Versuchen wir, diese beiden Aspekte anzunehmen, manifestiert sich ein Zustand
des Gleichgewichts, Samadhi genannt.
Samadhi ist das, was wir suchen, wenn wir meditieren. Wenn wir diesen
Samadhi mit einem Bild in Zusammenhang bringen wollen, dann ist er wie eine
kleine, schüchterne Märchengestalt – sehr sensibel gegenüber denen, die einen
Blick darauf erhaschen möchten. Möchte man diesen Zustand der Fokussierung
oder des Gleichgewichts beschreiben, dann ist „spontan“ eine gute Wortwahl.
Diese Spontaneität ist so schlau, dass sie deine subtilsten Gedanken spüren
kann.
Es ist so ähnlich, wie zu versuchen, eine gute Erinnerung einzufangen – eine
gute Tasse Tee oder ein sanfter Windhauch unter einem Baum. Es ist wie bei
den Neujahrs- und Jubiläumsfeierlichkeiten: es gibt im Leben Momente der
Freude, die ganz plötzlich, spontan aufkommen. Und dann versuchen wir, diese
Erfahrung wieder einzufangen und vermerken sie im Kalender.
Es gibt jedoch keine Garantie, dass diese Handlung, Dinge auf diese Weise
einzuschränken, das wiederbringt, was wir suchen – diese schon längst
vergangene Erfahrung. Tatsächlich wird das Ergebnis wahrscheinlich eher darin
bestehen, dass sie vor uns zurückweicht.
Besonders für Praktizierende ist es nicht einfach, mit einer Form der
Verwirklichung oder irgendeinem Gefühl, dass dem Erwachen gleicht,
umzugehen. Versucht man, das Gefühl wieder zu erleben, weicht es zurück.
Diese Methode der Meditation ist in etwa, wie Lachen durch Kitzeln
hervorzurufen. Humor ist der beste und leichteste Weg, den Zustand von
Samadhi herauszukitzeln. Das bedeutet, wahrzunehmen, dass die Lächerlichkeit
des Lebens die Essenz von Samadhi enthält und, für Praktizierende, die
Lächerlichkeit des Versuchs zu sehen, Moksha, Befreiung, einzufangen, kann
diesen Humor ebenfalls hervorbringen.
Wenn wir es so betrachten, kann es wirklich nicht organisiert werden. Es
passiert einfach, ganz spontan. Auf diese Weise hilft die Beruhigung, die
Spontanität anzunehmen und Einsicht hilft, sich auf das, was geschieht, zu
fokussieren oder sich dessen gewahr oder damit im Einklang zu sein.
Merkwürdigerweise geht mit der Einsicht ein Gefühl der Unwissenheit einher,
aber anders als bei der gewöhnlichen Unwissenheit, ist diese hier fast bewusst.
Es ist so, als ob man sich ablenkt, um konzentriert zu bleiben.
Eine Erzählung über Saraha, einem großen indischen Mahasiddha aus dem 6.
Jahrhundert, illustriert diese Art der „Unwissenheit“. Während seiner
Wanderschaft als umherziehender Yogi begegnete er einer Pfeilschmiedin, die
am Wege saß und ihrem Handwerk nachging. Wie auch heute noch, spielte sich
damals das meiste öffentliche Leben in Indien entlang der Hauptstraße ab – hier
geschah alles. An diesem Tag kam auch der König dieser Gegend mit seinem
prächtigen Gefolge durch diese Stadt, entlang derselben Straße. Die ganze Stadt
lief zusammen, um diesem Spektakel beizuwohnen, jeder ließ alles stehen und
liegen, um den König und seine Bannerträger mit ihren Wagen und Elefanten zu
bewundern, eine größere Sensation hätte man sich kaum vorstellen können.
Die Pfeilschmieden jedoch hatte kaum einen Blick für dieses Spektakel übrig,
sie konzentrierte sich so sehr auf ihr Handwerk, dass sie das, was um sie herum
vor sich ging, vollkommen ignorierte. Als Saraha das sah, wurde er sehr
demütig, denn genau hier und jetzt verstand er es: zum ersten Mal sah er
wirklich die Qualität Samadhis. Sofort begab er sich zu der Pfeilschmiedin und
bat sie, ihn als ihren Lehrling anzunehmen. Er wurde zu ihrem Schüler und
erreichte die vollständige Verwirklichung von Mahamudra – aus diesem Grund
wird er üblicherweise mit einem Pfeil in der Hand abgebildet.
Was wir dieser Geschichte entnehmen können, ist, dass die Fokussierung sehr
wichtig ist, was aber ist die Bedeutung davon? Es bedeutet, dass du etwas
ignorieren musst, ganz wie diese Frau die allergrößte Unterhaltung ignorierte,
weil sie so auf die Ausübung ihres Handwerks fokussiert war. Dies ist die
erstaunlichste Art der Unwissenheit, die beste Form der Dummheit.
Die Konzentration auf den Atem ist eine gebräuchliche Form, sich auf Shamatha
und Vipashana einzulassen. Andere Elemente, wie das Sitzen, sind vernünftige
Zutaten, die dem hinzugefügt werden. Der Fokus dieses Sutras besteht darin,
sich auf den Tod zu konzentrieren. Es ist ein einfacher und direkter Weg, zu
meditieren, da die Vorstellung des Todes uns beunruhigt. Achtet darauf, das
Wort „richtig“ nicht zu oft mit Samadhi zu verbinden, wie „richtiges Samadhi“,
so, als ob es ein „falsches Samadhi“ gäbe. Ganz sicher ist Meditation kein
abgefahrener Geisteszustand, indem man entweder ununterbrochen nachdenkt
oder gar keine Gedanken erfährt. Natürlich kann man beidem nachgehen, als
eine indirekte Möglichkeit, Fehler zu erkennen, beide sind jedoch nicht absolut.
Meistens scheint Meditation mit Stille in Verbindung gebracht zu werden. Als
ob dies eine Art sei, vollständig bewegungslos zu verharren, ein von Gefühlen
betäubter Zustand. Wir können das natürlich ausprobieren, es wird aber nur dazu
führen, dass wir an den Gefühlen anhaften.
Bekennen
Bekenntnis oder Beichte (engl. “Confession”) sind Wörter, die dem tibetischen
Begriff བཤགས་པ། (bshags pa – Shagpa) nicht gerecht werden. Das Wort „Bereuen“
trifft es auch nicht. Die Bedeutung ist eher, etwas loszulassen, das man nur zu
gut kennt, wie das Loslassen einer Sucht.
Wenn wir hier über “35 Buddhas” sprechen, dann ist das nur ein praktisches
Stichwort für uns. In einem einzigen Elementarteilchen können unzählige
Buddhas enthalten sein. Wenn die Beichte real wäre, wären wir erledigt.
Tatsächlich ist es eher ein Weg, Karma zu akzeptieren, die Aspekte des
Stattfindens und des Handelns, denn es bedeutet, dass wir uns in einem
ständigen Zustand der Angst befinden. Diese Angst liegt zwischen dem, was wie
unkontrollierbare Ereignisse erscheint, dem Leben, das uns überwältigt, und auf
der anderen Seite, scheinbar unkontrollierbaren Handlungen von uns selbst,
während wir uns verzweifelt um Veränderungen bemühen.
Statt diese Angst jemand anderem zu offenbaren, liegt dem Bekenntnis vor uns
selbst eine leichte oder unbelastete Qualität ist, inne. Die Buddhas sind einfach
ein Spiegel der eigenen gewichtslosen Natur.
Diese Mittel sind einfach anzuwenden und man kann sich leicht darauf
einlassen. Es ist, als ob man wieder zu einem Kind wird. Es ist natürlich nichts
falsch daran, ein Erwachsener zu sein – es hat aber einen Vorteil, aus dem
Erwachsenen-Zustand heraus die Perspektive eines Kindes zu sehen.
Diese Erklärungen sind in gewisser Weise etwas gezwungen, das bedeutet, wenn
wir Wörter benutzen, um das Natürliche auszudrücken, haben wir keine andere
Wahl, als es mithilfe dieser Wörter zu definieren. Deshalb müssen wir
akzeptieren, dass ein Teil (oder sogar der größere Teil) des Natürlichen,
unabhängig von der Qualität unserer Erklärungen, immer verloren geht. Damit
müssen wir umgehen.
Deshalb können wir die zuvor beschriebenen Pfade nicht richtig beschreiben
oder ihnen gerecht werden, aber wenn wir es versuchen, wird es ungefähr mit
diesem Ergebnis sein.
Bei genauerer Betrachtung sehen wir, dass eines der vielen Dinge, die wir, ob
wir nun menschliche oder nicht-menschliche Wesen sind, gemein haben, darin
besteht, dass wir nicht wirklich arbeiten wollen. Um einen etwas herabsetzenden
Begriff zu benutzen: wir sind gerne “faul“.
Wenn wir nun Ameisen betrachten, dann scheint ihr Leben allerdings etwas
anderes zu zeigen. Ihr gesamtes individuelles und gesellschaftliches Dasein ist
mit Arbeit verbunden. Schauen wir allerdings näher hin, dann sehen wir, dass
sie nicht unbedingt arbeiten. Auch wenn sie zu arbeiten scheinen oder hart
arbeiten, würde ich sagen, dass sie kaum von einer Vorstellung, wie arbeiten zu
müssen, geplagt sind, weil „man arbeiten muss“. Daher sind Ameisen faul, was
einen Zwang zur Arbeit angeht, faul, was Konzepte und Vorstellungen
anbelangt. Aus dieser Perspektive heraus, entsprechen diese Pfade oder
Praktiken ähnlichen Gemeinsamkeiten, die wir alle teilen. Diese Praktiken
erfordern fast keinerlei Mühe. Sie bilden einen „faulen“ Weg. Daher müssen wir
nicht denken, dass diese Praktiken eine Möglichkeit bieten, uns unserer Faulheit
zu entledigen, so als ob wir uns einiger Unzulänglichkeiten entledigen müssten.
Wenn wir tatsächlich faul sind, dann sind diese Praktiken ein Weg, das Beste
aus unserer Lethargie zu machen. Es ist so, als ob wir die Faulheit unsere Arbeit
erledigen lassen. Bestrebungen sind ein Beispiel für die Praxis eines Faulen.
Man kann dies praktizieren, während man läuft oder sitzt. Selbst als “Couch-
Kartoffeln“ können wir dies praktizieren! Das ist vielleicht nicht die beste Art,
zu praktizieren, es ist aber eine Möglichkeit!
Dieser individualisierte Körper, Rede und Geist sind für einen Bodhisattva wie
ein Boot. Emotionen und Karma sind dabei wie die Wellen und der Wind. Es ist
unerheblich, ob es deine oder meine Emotionen sind, sie sind einfach nur wie
der Wind und die Wellen. Bodhisattvas nutzen sie, um zu segeln. Sie bekämpfen
sie also niemals und sie verleugnen sie nicht. Wir befinden uns in dem gleichen
Zustand. Sind das nicht sehr gute Neuigkeiten?
Was ich mir wirklich erhoffe, ist, dass Leser, für die diese Praktiken Neuland
sind, von den in diesem Text beschriebenen Methoden nicht beunruhigt oder
von etwas, das wie veraltete religions-gleiche Predigten wirkt, gelangweilt
werden.
Sie sollten es auch nicht als Unterweisung verstehen, etwa, weil man sie etwas
lehren muss, da sie in mancherlei Hinsicht dumm oder unwissend sind.
Für die Praktizierenden hoffe ich, dass diese Praktiken für sie nicht ermüdend
sind, dass sie nicht das Gefühl haben, dass das harte Arbeit ist.
Möge die Praxis der fünf königlichen Sutras für Neulinge und Praktizierende
gleichermaßen großen Nutzen bringen.
Möge die Veröffentlichung zum Nutzen aller Wesen sein.
Der 17. Gyalwa Karmapa, Trinley Thaye Dorje


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